In gemeinsamer Arbeit mit den Lehrern der ersten
Waldorfschule in Stuttgart erstellte Rudolf Steiner einen Lehrplan, der
bis heute weiter differenziert wird, doch seine Gültigkeit nicht
eingebüßt hat.
Denn nicht die Unterrichtsbehörden, sondern die
Menschen selbst, das Kind in seiner Entwicklung, sollte den Lehrplan
vorschreiben. Um leibliche und seelische Gesundheit zu veranlagen,
wurde der Lehrplan so ausgerichtet, daß das Kind seiner jeweiligen
Entwicklungsstufe entsprechend gefördert werden kann.
So wie der
Gärtner die Wachstumsgesetze der ihm anvertrauten Pflanzen beachten
muß, hat der Erzieher die Aufgabe, an den Entwicklungsstadien der
Kinder abzulesen, welche seelisch- geistige Nahrung sie brauchen. Ein
Schlüssel, wie der Waldorfpädagoge nicht nur als Wissensvermittler,
sondern auch als Seelenführer wirkt, ist der Erzählstoff. Die Kinder
lieben gewöhnlich die frei vorgetragenen Erzählungen am Ende des
Hauptunterrichtes und nehmen die inneren Bilder wie Geschenke auf.
Worauf beruht die Anordnung des Erzählstoffes und welche Aufgaben hat er?
Übersicht:
1. Klasse: Märchen, eigene kleine Naturgeschichten
2. Klasse: Tierfabeln, Heiligenlegenden, Pflanzenmärchen und -legenden
3. Klasse: Geschichten aus dem Alten Testament
4. Klasse: Germanische Götter- und Heldensagen, Heimatsagen
5. Klasse: Griechische Götter- und Heldensagen
6. Klasse: Römische Heldensagen, Mittelalterliche Volkserzählungen
7. Klasse: Erzählungen aus der Völkerkunde, Biographien der Entdecker, der Renaissance oder Reformation
8. Klasse: Kultur
der Völker, Biographien der Erfinder und Forscher (aus Technik,
Medizin, Physik, Chemie), Dichter, Künstler- und Politikerbiographien
Mit der Schulreife erwacht beim Kind das Bedürfnis, sich mit dem
seelisch-geistigen Strom, der die Menschheit durch die Jahrhunderte
geführt hat und unserer heutigen Kultur und Zivilisation zugrunde
liegt, zu verbinden. Ebenso sind die Entwicklungsschritte des Kindes
zum Erwachsenen Bewußtseinsschritte.
Nimmt man die Menschenkunde R.
Steiners und seine Angaben zur Entwicklung der Menschheit zur Hilfe,
entdeckt man, daß der Erzählstoff der einzelnen Altersstufen ein
Spiegelbild der Seelen- und Bewußtseinsentwicklung der Menschheit ist.
Das Kind wiederholt in seiner individuellen Entwicklung frühere
Menschheitsentwicklungen. Bei diesem Prozeß kann der Erzählstoff eine
ebenso freilassende wie gezielte Hilfe sein.
Aus: Aufsätze, Bilder & Gedanken, Jahresheft 1995/96 der Freien Waldorfschule Bergisch Gladbach